Die Perle Anna
BNN Ettlingen, Dienstag 10. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 234
„Ein Ehebruch ist kein Ponyhof“
Turbulente Komödie „Die Perle Anna“ hatte Premiere bei der kleinen bühne in Ettlingen
Irgendwann gegen Ende von Marc Camolettis turbulenter Komödie entfährt es der Perle Anna wie ein Stoßseufzer: „Ein Glück, dass ich so intelligent bin. Manchmal bin ich mir selbst unheimlich“. In der Tat, die titelgebende Figur hält bei den Liebesirrungen des Ehepaares Bernard und Claudine alle Fäden in der Hand. Bernard und Claudine wollen die erste gemeinsame Nacht mit ihrem jeweiligen Techtelmechtel in der eigenen Wohnung verbringen und Anna passt auf, dass sie sich dabei nicht begegnen. Bei der Premiere an der kleinen bühne am vergangenen Samstag konnte das begeisterte Publikum ein wahres Feuerwerk an – von Regisseur Luigi Biolzi temporeich inszenierten – Verwicklungen erleben, das kaum Zeit zum Durchatmen ließ.
Da ist das in Routine erstarrte Ehepaar, von Bernd Hagemann und Silvia Szillat dargestellt als zwei Menschen mit ganz unterschiedlichem Temperament. Er, der eigentlich langweilige leicht spießige Ehemann, der beim Telefonieren mit seiner Geliebten den Charmeur gibt. Immer, wenn ihm die Situation zu entgleiten droht, entgleist seinem Darsteller aufs Wunderbarste die Gesichtsmimik – was schon für sich Anlass zu Lachern wäre. Sie, die quicklebendige, offensichtlich leicht frustrierte Gattin, von Silvia Szillat als vordergründig selbstbewusste, zupackende Frau gespielt. Beide Darsteller füllen die komischen Seiten ihrer Rollen perfekt aus, ohne sie komplett zur Karikatur zu machen.
Dafür sind dann eher ihre jeweiligen Liebespartner zuständig: Claudines Lover Robert wird von Sven Hermann überzeugend als Fachidiot des Marathonlaufs gespielt, der aber offensichtlich selbst darin nicht besonders gut ist. Ständig ist er im Training, auch in der geplanten Liebesnacht, und der Running Gag „ach, wären wir doch lieber zu mir gegangen“ gewinnt mit ständiger Wiederholung an humoristischer Sprengkraft. Bernard wiederum, der Herr des Hause, hat sich eine ganz junge Geliebte angelacht.
Catherine ist mit „Zuckerhase“ noch ziemlich euphemistisch beschrieben. Samantha Steins, die Jüngste des Ensembles, spielt sie als piepsendes, naives Dummchen, das sich schon als die künftige Hausherrin sieht. Es ist allein schon eine reife Leistung der Darstellerin, nicht selbst vor Lachen über ihre Rolle aus selbiger zu kippen.
Das genaue Gegenteil macht die Ensemble-Seniorin Eva Frohne aus ihrer Perle Anna: Mit einem stets resoluten Ton und einer offensiv zur Schau gestellten Bauernschläue schafft es das mit allen Wassern gewaschene Dienstmädchen, die beiden illegitimen Paare auf Schlafund Gästezimmer zu verteilen, um eine Katastrophe zu vermeiden. Denn sie weiß: „Ein Ehebruch ist kein Ponyhof!“
Dabei wirkt Eva Frohne in der natürlich sehr konstruierten Handlung immer so, als sei das alles der natürliche Lauf der Dinge, und manchmal braucht sie für ihre Darstellung nicht mal Text. Allein der Blick reicht aus, um alle anderen herumzukommandieren, und das Publikum frisst ihr nebenbei auch aus der Hand und zollt nach zwei Stunden dem gesamten Ensemble der kleinen bühne großen Beifall für eine in sich stimmige, runde „Mannschaftsleistung“. Thomas Zimmer
Der Seelenbrecher
BNN Ettlingen, Montag 6. März 2017, Ausgabe Nr. 54
Showdown in der Psychiatrie
Atmosphärische Premiere von „Der Seelenbrecher“
So viel sei verraten: Spannend blieb es bis kurz vor Schluss: Die kleine bühne ettlingen hatte am Samstag Premiere mit „Der Seelenbrecher“, der Theaterbearbeitung des Thrillers von Sebastian Fitzek. Unter der Regie von Bernd Hagemann und Werner Kern schaffte es das Ensemble, die Zuschauer zwei Stunden lang rätseln zu lassen, wer dieser Seelenbrecher ist, der Menschen in eine Art Todesschlaf versetzt, aus dem sie sich selbst nicht mehr befreien können.
Alles spielt sich ab in einem Bühnenbild: dem Aufenthaltsraum einer psychiatrischen Klinik, die an einem Schneesturm-Tag von der Außenwelt abgeschnitten ist. Die Konzentration auf diesen einen Raum, der zum Zufluchtsort vor dem vermeintlich im Haus umgehenden Seelenbrecher wird, macht die Zuschauer zu Mitgefangenen der Ängste der Akteure. Diese Atmosphäre wird befeuert durch Geräuscheinspielunügen, dräuende Musik von Apocalyptica und eine Lichtregie (Berthold Steiner), die ans klassische Thriller-Kino angelehnt ist. Ein Mann mit der Diagnose retrograde Amnesie versucht sich zu erinnern, wer er ist. Hier nennen sie ihn Caspar. Aber wer ist er wirklich? Nach und nach kehrt die Erinnerung zurück. War er Arzt? Hat er seinem Sohn durch einen Kunstfehler geschadet? Markus May spielt ihn voller Selbstzweifel und mit glaubwürdiger innerer Zerrissenheit. Der Katalysator der Ängste ist die Einlieferung von Dr. Jonathan Bruck, der wie ein böser Geist in der Klinik spukt. Als dann auch noch die Psychiaterin Sophia Dorn – von Carmen Steiner als sachlich-vernünftige Spezialistin dargestellt – offenbar von Bruck ins Wachkoma versetzt wird, spürt man förmlich die Angst der Bedrohten wachsen. Es entwickeln sich ganz unterschiedliche Charaktere: der Chefarzt Dr. Raßfeld, den Daniel Frenz (der auch Jonathan Bruck verkörpert) als herrischen Chef anlegt. Rettungssanitäter Tom Schadeck (Adrian Müller), der seine Kindheitstraumata als cholerischer Einzelkämpfer auslebt. Der Hausmeister Bachmann, von Sven Herrmann als bis zur Karikatur verzerrter Angsthase gespielt, Krankenschwester Yasmin Schiller (Jacqueline Griesser), die zwar mutig ist, aber wenn es hart auf hart kommt auch schrill hysterisch wird. Schließlich die ältere Patientin Greta Kaminsky (Monika Hertrampf), eine listige Stimme der Vernunft, die in aller Wirrnis noch imstande ist, die verschlüsselten Zettelbotschaften, die man bei den Opfern des Seelenbrechers findet, zu deuten.
Drastisch wird die ganze Bandbreite von panischer Angst bis zu blindem Aktionismus mit Tempo und Schwung auf die Bühne gebracht. Gleichzeitig spürt der Zuschauer zunehmend das gegenseitige Misstrauen der handelnden Figuren, bis auch er niemandem mehr traut und hinreichend überrascht ist, als die Auflösung kommt. Der lang anhaltende Applaus des Premierenpublikums kommt wie die befreiende Erlösung nach zwei Stunden temporeich inszenierter Spannung. Thomas Zimmer
Harold und Maude
BNN Ettlingen, Montag 5. Dezember 2016, Ausgabe Nr. 282
Anrührende Tragikkomödie beeindruckt Publikum
Gelungene Premiere von „Harold und Maude“ in der kleinen bühne Ettlingen / Eva Frohne ist ein Ereignis
Wenn in einer Beziehung die Frau deutlich älter als der Mann ist, sorgt das auch heute noch für Irritationen. Wenn aber 60 Jahre dazwischen liegen, wie bei Harold und Maude, dann geht das eigentlich gar nicht. 1971 kam der Film „Harold and Maude“ nach einem Drehbuch von Colin Higgins in die Kinos. Am Samstag hatte die Bühnenfassung des Stoffes in der „kleinen Bühne“ Premiere. Regisseur Daniel Frenz hatte die Inszenierung übernommen.
Der 18-jährige Harold (Matthias Hüther) soll nach dem Willen seiner dominanten Mutter (sehr überzeugend: Carmen Steiner) gesellschaftlich funktionieren. Zu diesem Zweck stellt sie ihm drei junge Damen zwecks Heirat vor, eine schrecklicher als die andere. Olga Humpfer in einer Doppelrolle und Samantha Steins präsentierten pointiert die jeweiligen Macken der Kandidatinnen. Harold setzt sich zur Wehr, indem er fortgesetzt vorgetäuschte Selbstmorde vorführt und damit auch das Hausmädchen Doris Pommerening) in Angst und Schrecken versetzt. Sein Leben ändert sich, als er Maude (Eva Frohne) begegnet, einer schrulligen alten Dame mit eigenwilligen Vorstellungen, was Moral und fremdes Eigentum betrifft. Unbeirrt und mit viel Power führt sie ihren Kampf für ein selbstbestimmtes Leben und nimmt es mit allen Autoritäten auf: etwa mit dem ständig überforderten Pfarrer (Peter Laier) und Yousef Mostaghim als Polizeiinspektor, der auch noch andere Nebenrollen übernommen hatte.
Das Stück startet als schwarze Komödie und Regisseur Daniel Frenz zieht mit vielen Gags und inszenatorischen Einfällen alle Register. Aber dann kommt die Wende. Denn die Bewunderung Harolds für den anarchischen Freigeist Maude mündet in eine Liebesbeziehung. Er will sie zum Entsetzen seiner Mutter heiraten. Aber Maude wird ihren Lebensweg konsequent zu Ende führen. An ihrem 80. Geburtstag, so sagt sie, bricht sie zu neuen Ufern auf. Matthias Hüther als Harold hat seine starken Momente, wenn er sich die Mutter und die jungen Damen vom Leibe hält. Seine durch die Begegnung mit Maude herbeigeführte Wandlung hin zu einem selbstbestimmten Leben hätte man vielleicht noch etwas deutlicher herausarbeiten können.
Das Ereignis der Inszenierung ist aber Eva Frohne. Dank ihrer körperlichen und sprachlichen Präsenz bringt die 80-jährige Schauspielerin die Maude zu jeder Sekunde glaubhaft auf die Bühne. Durch ihre Darstellung bis zum emotionalen Finale macht sie die Entwicklung des Stückes hin zur anrührenden Tragikomödie absolut nachvollziehbar. Das Publikum, das bereits zu Beginn die Dialogpointen mit Szenenapplaus belohnt hatte, war begeistert. Henner Klusch
Harold und Maude
BNN Ettlingen, Mittwoch 30. November 2016, Ausgabe Nr. 278
Aus der Zeit der Schlaghosen und Plateausohlen
„kleine bühne“ Ettlingen inszeniert „Harold und Maude“ / Premiere des Kultstücks am Freitag, 2. Dezember [Anm.: Premiere am Samstag, 3. Dezember]
Es begab sich zu der Zeit, als die Schlaghosen angesagt waren und hohe Plateausohlen ein absolutes Muss darstellten, dass der Film „Harold and Maude“ in die Kinos kam – eine Produktion, die heute immer noch Kultstatus genießt. Regie führte damals Hal Ashby, das Drehbuch hatte Collin Higgins geschrieben, der den Stoff kurz nach dem Filmstart 1971 als Roman und als Theaterstück verarbeitete. Derzeit probt das Ensemble mit Regisseur Daniel Frenz der „kleinen bühne“ die Bühnenfassung, die Premiere wird am 2. Dezember sein.
Der Titel „Harold und Maude“ gibt die zentrale Figurenkonstellation wieder. Denn gezeigt wird eine eigentlich unmögliche Beziehung. Harold, Anfang 20, widersetzt sich allen Versuchen seiner dominanten Mutter, ihn ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, mit inszenierten Selbstmordversuchen und anderen tiefschwarzen Aktionen. Dabei begegnet er der 80-jährigen Maude, einem Energiebündel mit einem Hang zur Anarchie und zur freien Lust am Leben. Zwischen den beiden entsteht eine tiefe Liebesziehung, deren Auflösung hier nicht vorweggenommen werden soll.
In der Wandlung Harolds vom gestörten jungen Mann mit einer morbiden Macke zu einem selbstbestimmten Individuum liegt für Daniel Frenz der große Reiz dieses Stückes: „Manche sagen ja, der einstige Kultklassiker sei heute überholt, ich glaube aber, dass die Problematik heute immer noch aktuell ist. Harold soll funktionieren. Und Maude ist die einzige, die ihm sagt, er soll sein eigenes Ding machen und nicht auf andere hören.“
Im Film hatten Ruth Gordon und Bud Cort die beiden Hauptrollen übernommen. Bei der „kleinen bühne“ ist man der Vorlage ganz nahe gekommen. Denn neben Matthias Hüther (Harold) agiert Eva Frohne als Maude, die im Februar selbst den 80. Geburtstag feierte. Sie liebt ihre Rolle: „Ich kann mich da sehr gut hineinversetzen, weil ich selbst ein bisschen wie Maude bin, in jeder Beziehung.“ Zwei kleine Unterschiede gibt es freilich. Ihre Fitness und ihre Energie führt Eva Frohne auf die Tatsache zurück, dass sie täglich sportlich aktiv ist. Das kann man sich bei der Bühnen-“Maude“ ganz und gar nicht vorstellen. Bei der Frage, ob zu den Gemeinsamkeiten mit Maude auch eine Romanze mit einem jüngeren Partner gehört, hat Eva Frohne auch Bedenken: „Da muss man dann womöglich sehr viel früher aufstehen.“ Bei den letzten Proben ist Daniel Frenz hauptsächlich damit beschäftigt, die Abläufe zu optimieren. Denn sein achtköpfiges Ensemble ist auch hinter der Bühne gefordert. Die 18 Szenen erfordern rasante Wechsel und viele Umbauten, da müssen alle mit anpacken.
Übrigens: Den Status „Kult“ erhielt „Harold und Maude“ erst nach einigen Jahren, denn bei der Premiere 1971 reagierte das Publikum sehr verhalten. Daniel Frenz hat gute Gründe für die Annahme, dass das in Ettlingen nicht passieren wird. Henner Klusch
Dinner für Spinner
BNN Ettlingen, Montag 4. Oktober 2016, Ausgabe Nr. 230
Neue Spielzeit eingeläutet
Premiere von „Dinner für Spinner“ bei der kleinen bühne in Ettlingen
Mit technischer Raffinesse, Schauspielern in Bestform und den Lachern auf ihrer Seite läutete die kleine bühne Ettlingen vergangenen Samstag mit „Dinner für Spinner“ die neue Spielzeit ein. Die Geschichte scheint simpel: ein wohlhabender Verlagschef amüsiert sich mit Gleichgesinnten bei einem Abendessen über arglose Einfaltspinsel. Wer den größten Idioten vorweisen kann, gewinnt. Allein zu diesem Zweck sind Pierre Brochants (gespielt von Sven Herrmann) Dienstagabende reserviert, ganz zum Missfallen seiner Frau (Silvia Szillat). Als an besagtem Dienstagabend Brochant von einem Hexenschuss lahmgelegt wird, gelingt es ihm nicht seine Verabredung mit „einem Weltklasse Trottel“ rechtzeitig abzusagen. Der naive Zündholzmodellbauer und Finanzbeamte Francois Pignon (Markus May) steht vor Brochants Tür und beweist eindrucksvoll, wie sehr vermeintliche Idiotie uns den Spiegel vorhalten kann. Der von Markus May liebevoll trottelig dargestellte Pignon in seinem braunen Cordanzug, schafft es durch seine unnachgiebige Hilfsbereitschaft schließlich Brochants gesamtes Leben maßgeblich aus den Angeln zu heben. Durch seine Schmerzen körperlich hilflos, ist Brochant ein Ausgelieferter, dessen schlechte Absichten sich letztendlich über ihn auszuschütten scheinen. Manchen Zuschauer mag es selbst im Rücken gezwickt haben, ob Herrmanns überzeugender Darstellung von Brochants Rückenleiden. Szenenapplaus und beinah durchgängige Lacher, begleiteten die dynamische zweistündige Handlung. Melanie Waldenmaier aus Ettlingenweier fand sich gut unterhalten. „Die Zeit ging unglaublich schnell vorbei“, ist ihr positives Urteil. Am Ende der ausverkauften Premiere überreichte Schauspieler Bernd Hagemann der kleinen bühne symbolisch einen Scheck in Höhe von 1 500 Euro, ein Betrag, mit dem sein Arbeitgeber insgesamt neun weitere ehrenamtlich engagierte Mitarbeiter würdigte. Das Geld soll in die Bühnentechnik investiert werden. nib
Blinde Rache
BNN Ettlingen, Montag 11. April 2016, Ausgabe Nr. 83
„Scheiß Schwarz-Weiß!“
Ausverkaufte Premiere von „Blinde Rache“ in der kleinen bühne Ettlingen
„Scheiß Schwarz-Weiß!“ Ty Bosworth brüllt, ihm bricht die Stimme. Die Handlung steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die ausverkaufte Premiere von „Blinde Rache“ vergangenen Samstag in der kleinen bühne Ettlingen verlangte ihren Zuschauern einiges ab. Das Stück entwickelte sich entlang der Zerrissenheit seines Protagonisten Ty, den ehemaligen Polizisten, überzeugend gespielt von Sven Herrmann. Dessen Tochter Alexandra (Jacqueline Grießer) wurde brutal vergewaltigt und ermordet. Der eigentliche Mörder ist tot – erschossen von der Polizei. Es bleibt dessen Anwalt Ellis Burke (Bernd Hagemann), der den Geisteskranken einst frei sprach. Ty entführt Burke, er will ihn töten, in seinen Augen die einzige gerechte Konsequenz.
Hat Burke nicht genauso Schuld am Mord an seiner Tochter? Wie schuldig kann sich der Anwalt eines Mörders machen? Die Vergangenheit holt Ty immer wieder ein. Ty, den Trinker, der als Vater schon versagt hat, als seine Tochter noch am Leben war. Zumindest beschuldigt ihn das seine Stiefmutter Willa (Meta Kiefer-Klenk), die sich selbst sehnlich eine heile Familie wünscht. Auch die Ex-Frau und Mutter der Ermordeten Claire Hoffman (Carmen Steiner) muss mit der Schuld leben, in ihrer Obhut wurde die Tochter entführt.
Zwischen allem steht Terry Bosworth (Matthias Hüther), der Bruder von Ty, der ihm helfen will endlich wieder ein Stück Frieden zu finden. Aber durch Mord? Daniel Frenz Inszenierung zeigt Menschen, die emotional nichts mehr verstecken können. Während Sven Herrmann als Ty Bosworth körperlich und psychisch am Abgrund steht, versuchen die anderen Figuren weiterzumachen.
Erst in der Konfrontation und innerhalb der Möglichkeit auf Rache, müssen sich alle entscheiden, wie dieses „weitermachen“ aussehen soll. Der Höhepunkt packte Schauspieler und Zuschauer gleichermaßen. Grandios blieb Bernd Hagemann als einziger Ruhepol, der analytisch das Rechtssystem mit all seinen Stärken und Schwächen darstellte, fast bis zuletzt nicht sehend, worin seine Schuld liegen soll. Lang anhaltender Applaus, deutlich länger als man es bei gegebener Thematik vermuten könnte, belohnte die Darsteller für den Vorstellungskraftakt. Die Zuschauerreaktionen waren durchweg positiv. Die Thematik regte zu lebhaften Diskussionen in der Pause und im Anschluss des Stückes an. „Ist halt nichts zum Lachen“, meinten einige Besucher. Das muss es auch durchaus nicht immer sein. Nicole Bengesser
Blinde Rache
BNN Ettlingen, Mittwoch 6. April 2016, Ausgabe Nr. 79
„Das wird hier nicht gut enden“
Am Samstag ist in der kleinen bühne Ettlingen die Premiere des Psychothrillers „Blinde Rache“
Die Spannungskurve eines Psychothrillers verläuft unerwartet. Er lebt von der Unberechenbarkeit seiner Protagonisten, deren emotionale Konflikte durch die Handlung tragen. In der Inszenierung des Schauspiels „Blinde Rache“ des Amerikaners Michael McKeever wird der Grundton des Tragischen bereits in der ersten Szene über die Klaviermusik hervorgehoben. Und Ty Bosworth, dargestellt von Sven Herrmann, der soeben den bewusstlosen Mörder seiner Tochter in seine Wohnung schleppt, verrät: „Das hier wird nicht gut enden“. „Relativ neu, relativ unbekannt“, beschreibt Regisseur Daniel Frenz das Stück „Blinde Rache“ des amerikanischen Autors Michael McKeever.
In der Inszenierung der kleinen bühne Ettlingen beschränkt sich das Bühnenbild auf das Wesentliche: ein schwarzes Sofa, ein Regal mit Spirituosen und ein einzelner Bilderrahmen auf einem Tisch. Dazwischen zwei Türen, von denen mindestens eine der Eingang zu einem Verlies geworden ist. „Nach zwei Komödien wollten wir wieder etwas Ernstes auf die Bühne bringen“, erklärt Frenz. Gesucht habe man einen Psychothriller von ähnlicher Intensität wie das 2015 aufgeführte Stück „Misery“ nach Stephen King. „Blinde Rache“ hatte erst im vorigen Jahr Deutschlandpremiere.
Das Profil des Autors McKeever hat Tiefe. Seine Arbeiten umfassen Dramen wie auch Komödien. „Blinde Rache“, auf Englisch „Unreasonable Doubt“, leuchtet in die Abgründe menschlicher Verzweiflung hinein. Das fordert Schauspieler und Regisseur gleichermaßen. „Das Stück hat uns emotional oft an Grenzen gebracht“, erklärt Meta Kiefer-Klenk, welche die Stiefmutter von Ty spielt.
Jede der sechs Rollen hat ihren eigenen schwarzen Fleck auf der Seele. Neben Tys Stiefmutter gibt es noch seinen Bruder Terry, die Ex-Frau und Mutter des getöteten Mädchens Claire, die Tochter, als personifizierten Rachegedanken und schließlich den Star-Anwalt Burke, der sich Ty ausgeliefert sehen muss. Um diesem vielschichtigen psychologischen Drama einen gerechten Rahmen zu bieten wurde vorab viel gesprochen. „Starker Körper, starker Geist“, spricht Ty wie im Wahn ständig vor sich hin. Für welche Art von Stärke wird er sich entscheiden? Nicole Bengesser
Romeo und Julia
BNN Ettlingen, Montag 22. Februar 2016, Ausgabe Nr. 43
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“
„Romeo und Julia“ hatte am Samstag in der kleinen bühne beim Jugendtheater „Arcobaleno“ in Ettlingen Premiere
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, sagt Julia zu ihrem Romeo, weil sie nicht will, dass er bereits aufbricht. Dieser muss aber fliehen, weil der Konflikt zwischen den verfeindeten Familien Montague und Capulet Opfer gefordert hat. So ist dies die letzte Nacht der beiden Liebenden – am Ende finden sie beide durch ein tragisches Missverständnis den Tod durch die eigene Hand. Dies ist die Handlung von „Romeo und Julia“, dem wohl berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur. Am Samstag hatte das Stück von William Shakespeare in der „kleinen bühne Ettlingen“ beim Jugendtheater „Arcobaleno“ Premiere.
Für ihr junges Ensemble hat Regisseurin Ute Merz eine Fassung geschrieben, die den gewaltigen Stoff komprimiert und mit modernen Theatermitteln ergänzt. So bleibt die klassische Sprache erhalten, wird aber immer wieder durch aktuelle Anspielungen unterbrochen, etwa wenn ein Fechtduell als Boxkampf präsentiert wird. Eine Reporterin strukturiert die Handlung in bester Fernsehmanier als „Doku-Drama“, stellt die Personen vor und interviewt sie. Es gibt selbst gedrehte Videoeinspielungen (Technik: Udo Schmitz) und Liebeslieder, wie überhaupt die eingesetzte Musik immer wieder als Leitmotiv das Verständnis des komplexen Stoffes erleichtert. Diese interessante Vorlage verlangt dem Ensemble einiges ab, denn es werden schnelle Rollenwechsel verlangt. Rebecca Sauber ist sowohl als Reporter und als Bruder Lorenzo im Einsatz, als Graf Paris buhlt sie mit viel Geld um die Hand Julias. Die Kostümwechsel klappen hervorragend, zudem erhält jede Figur einen eigenen Akzent. Dies gilt auch für Juliane Schwarzwald, die sowohl als Julias Mutter, die Gräfin Capulet überzeugt, als auch in der Rolle des fiesen Tybalt. Miriam Kirchhoff hat als Amme ihren großen Auftritt. Magdalena Kraft, Louise Schmidtgen und Charlotte Komma verleihen ihren Rollen ebenfalls viel Profil. Auch die beiden Protagonisten der Handlung liefern eine starke Leistung ab. Jonas Schlump als Romeo macht die Wandlung vom melancholischen Zauderer am Anfang zum schwer verliebten jungen Mann glaubhaft. Und Magdalena Kraft gibt eine anrührende Julia, der man die große Emotion jederzeit abnimmt.
Der bleibende Eindruck dieser Inszenierung ist, dass das Wagnis, den alten Stoff neu zu deuten, gelungen ist. Dies könnte vor allem jungen Theaterbesuchern einen Zugang zu „Romeo und Julia“ ermöglichen. Henner Klusch
Romeo und Julia
BNN Ettlingen, Samstag 13. Februar 2016, Ausgabe Nr. 36
Ein spannender Theaterabend zu erwarten
Jugendtheater „Arcobaleno“ der kleinen bühne Ettlingen studiert „Romeo und Julia“ ein
Die Story ist bekannt: Die Familien Montague und Capulet im mittelalterlichen Verona sind bis auf den Tod verfeindet. Deshalb kann die innige Liebe ihrer Kinder auch nur im Unglück enden. William Shakespeare hat den Stoff von „Romeo und Julia“ zu einem seiner größten Stücke verarbeitet. Am kommenden Samstag bringt das Jugendensemble „Arcobaleno“ das Werk auf die Bühne der „kleinen bühne“. Und nach den Eindrücken von einer der letzten Proben kann dies ein spannender Theaterabend werden.
Vor einem Jahr hat sich die Schauspielerin und Theaterpädagogin Ute Merz mit ihrem Ensemble an die Arbeit gemacht. Die Lektüre des Originaltextes von Shakespeare war für das junge Ensemble ebenso sperrig wie frustrierend. Nachdem man aber diverse moderne Adaptionen gelesen und den Film zum Thema gesehen hatte, wuchs gemeinsam die kollektive Einsicht: Man wollte das Stück in der ursprünglichen Sprache aufführen und aus der heutigen Sicht allenfalls kommentieren. Dieser Spagat wird zum Beispiel auch in den Kostümen deutlich. Da passen Turnschuhe zu Mönchskutten. Und Dolch und Degen – bei den Fechtszenen unterstützte ein eigens verpflichteter Trainer – sind auch mit Jeans kompatibel.
Um nun aber die Auffassungsgabe der jungen Zuschauer nicht zu überfordern, hat Ute Merz eine eigene Fassung der dramatischen Vorlage geschrieben. Die sechzehn Szenen konzentrieren sich hauptsächlich um die Liebesgeschichte von Romeo (Jonas Schlund) und Julia (Magdalena Kraft), die beide auch überzeugend auf die Bühne bringen. Dass die Protagonisten auch altersmäßig der Vorgabe Shakespeares entsprechen – Julia war bei Probenbeginn 14 Jahre alt – ist eine kleine Pointe am Rande.
Die ausufernde Familienfehde wird in dieser Fassung fast völlig ausgeblendet. Für den nötigen Kontext sorgt die neue Figur des „Reporters“ (Rebecca Sauber), der mit Ansagen und Interviews mit den Akteuren den Zusammenhang wieder herstellt. Dazu gibt es [...] Videos, die das achtköpfige Ensemble selbst in Ettlingen produziert hat. Die Stimmung bei der Probe ist gekennzeichnet von einer Mischung aus konzentrierter Arbeit und persönlichem Flachs. Dabei ist erkennbar, wie stark die Regisseurin Ute Merz ihr Ensemble in die Inszenierung einbindet. Vorschläge der Schauspieler, die Requisiten und Umbaupausen betreffend, werden sofort ins Laptop der Regie eingespeichert. Es spricht aber für die theaterpädagogische Kompetenz von Ute Merz, dass die Diskussionen um szenische Details nie ausufern, sondern zielführend in die Inszenierung eingeführt und umgesetzt werden. Deshalb kann man auf diese Produktion gespannt sein. Henner Klusch
Die 39 Stufen
BNN Ettlingen, Dienstag 24. November 2015, Ausgabe Nr. 272
Viel Arbeit fürs Ensemble
„39 Stufen“ hatte bei der kleinen bühne Premiere
Der Autor John Buchan hatte schon festgestellt, dass die Verfilmung seines Agententhrillers „Die 39 Stufen“ durch Alfred Hitchcock weitaus besser als das Buch gewesen sei. Zur Bühnenfassung es Stoffes durch Patrick Barlow konnte sich Buchan nicht äußern, sie entstand lange nach seinem Tod im Jahr 2006 in London. Fakt ist aber, dass die „39 Stufen“ ein großer Theaterspaß und eine Steilvorlage für die Schauspieler sind – dies der Eindruck nach der Premiere am Samstag in der „kleinen Bühne“.
Barlow hat die Krimihandlung – mit Mord und Totschlag, gestohlenen Geheimdokumenten, einem Agentenring namens „39 Stufen“ und einer aufregenden Jagd quer durch Schottland – zu einer Bühnenfarce für wenige Schauspieler umfunktioniert. Sven Herrmann gibt den Richard Hannay, der wie einst Dr. Kimble unschuldig unter Mordverdacht steht und dann auf der Flucht sich immer wieder aus ausweglosen Situationen befreien und ins Happy End retten muss.
Diese Handlung umzusetzen bedeutet schwere Arbeit für das Ensemble. Denn es gilt, blitzschnell die Rollen zu wechseln und dazu auch noch die Requisiten und das Bühnenbild zu organisieren. Carmen Steiner wird anfangs als Agentin gemeuchelt, taucht später als Theatergirl und im schottischen Gewand auf. Der wackere Matthias Hüther hat gleich neun Personen darzustellen, darunter auch zwei weibliche. Yousef Mostaghim glänzt vor allem in der wichtigen Figur des Gedächtniskünstlers Mr. Memory. Meta Kiefer-Klenk hat von der Putzfrau bis zum fiesen Professor Jordan auch diverses im Angebot, das gleiche gilt für Ekhart Kalytta, der am Ende als Inspektor an der Lösung beteiligt ist. Und Silvia Szillat überzeugt vor allem als Pamela, die mit Hannay auf der Flucht ist und zunächst an ihn gekettet, später aber von ihm gefesselt ist. Regisseur Daniel Frenz hat die turbulente Handlung temporeich mit mit sicherem Gespür für die Pointen inszeniert. Vor allem hat er zusammen mit Daniel Dembinski auf der Bühne eine Spielwiese geschaffen, auf der die Gags richtig zünden können.
Das mündet in starken Momenten in puren Slapstick: Für die Flucht aus dem Fenster genügt ein hochgehaltener Holzrahmen. Dazu gibt es musikalische Leitmotive: In erotischen Momenten ertönt dann der Schmuseklassiker „Je t’aime“. Einige wenige Zutaten wie der Hitler-Auftritt wirken übertrieben, dass diverse Dialekte verwendet werden, ist auch nicht immer nachvollziehbar. Aber das sind geringe Einwände angesichts der Spielfreude, mit der sich die sieben Akteure durch die furiose Handlung schlagen. Dafür gab es Beifall auf offener Szene und am Ende viel Applaus. Diesen letzten Auftritt hatte Daniel Frenz perfekt choreografiert. Henner Klusch
Die 39 Stufen
BNN Ettlingen, Freitag 13. November 2015, Ausgabe Nr. 263
Auf den Spuren von Meister Hitchcock
In der kleinen bühne Ettlingen haben „39 Stufen“ kommende Woche Premiere
Beim Stichwort „39 Stufen“ klingelt es bei Kinokennern: 1935 hat Alfred Hitchcock einen seiner besten Filme gedreht. In dem Agententhriller geht es natürlich darum, England und die ganze Welt vor einer gigantischen Verschwörung zu retten. Ging Hitchcock mit der Buchvorlage des englischen Autors John Buchan schon ziemlich frei um, so setzte sein Landsmann Patrick Barlow 2006 noch eins drauf: Seine Bühnenfassung des Stoffes reduziert das Ganze auf wenige Schauspieler, die die Geschichte mehr oder weniger nachvollziehen; mit geradezu aberwitzigen Raum- und Personenwechseln. Diese Version, die mehr an Monty Python als an Hitchcock erinnert, hat am 21. 11 in der Ettlinger „kleinen bühne“ Premiere.
Beim Probenbesuch wirkt Regisseur Daniel Frenz relativ entspannt; er hat bereits in der letzten Spielzeit mit dem „Hexer“ von Edgar Wallace seine Krimi-Tauglichkeit bewiesen. Die Inszenierung steht im Prinzip, nun geht es noch darum, an den Feinheiten der Technik, für die Berthold Steiner verantwortlich ist, und an den szenischen Übergängen zu feilen. Aber der äußere Eindruck täuscht: Gespannt verfolgt Frenz das Geschehen auf der Bühne und sorgt mit knappen Anweisungen dafür, dass die Ton- und Lichtregie klappt. Denn nur so können die Schauspieler das Tempo permanent hochhalten. Ursprünglich war die Stückvorlage für vier Personen gedacht, Daniel Frenz hat sie nun aus Besetzungsgründen auf sieben Schauspieler erweitert. Fest steht, dass Sven Herrmann den Richard Hannay gibt, der nach dem Mord an der Agentin (Carmen Steiner) auf die große Jagd getrieben wird.
Derweil hat das übrige Ensemble viel zu tun. Man muss gar viele Rollen verkörpern und die Requisiten auf der Bühne verteilen - zum Teil sogar gleichzeitig. Dazu genügt in einer Szene ein Wechsel der Kopfbedeckung. Das ergibt dann einen vergnüglichen Mix aus Slapstick und krimineller Hochspannung. Für Daniel Frenz ist das Stück für die Schauspieler und zugleich für das Publikum eine Herausforderung: „Wir haben hier sehr viele Rollen und zugleich über zwanzig Ortswechsel, die wir mit einfachen Mitteln darstellen. Da muss sich der Zuschauer schon darauf einlassen.“
Für diejenigen, die den Film von Hitchcock gesehen haben, hat Frenz aber einen Hinweis: „Fast alle Dialoge des Stücks kommen im Film auch vor.“ Henner Klusch
Der eingebildete Kranke
BNN Ettlingen, Dienstag 6. Oktober 2015, Ausgabe Nr. 230
Ein großes Fest hintersinniger Komik
Moliére-Stück „Der eingebildete Kranke“ hatte bei der „kleinen bühne“ in Ettlingen Premiere
„Ich bin nicht blöd, ich sehe alles, was in diesem Haus vorgeht“ ruft Toinette empört. In der Tat, Argans Dienstmädchen behält über die gesamte Länge von Moliéres Komödie „Der eingebildete Kranke“ den Überblick.
Die Inszenierung von Bernd Hagemann – der in einer kleinen Rolle als Argans Arzt auftaucht – hatte am vergangenen Samstag an der „kleinen bühne“ Premiere und sorgte in höchst unterhaltsamen knapp zwei Stunden dafuür, dass auch der Zuschauer immer den Überblick behalten konnte.
Da ist zum einen Argan, der eingebildete Kranke, der im Nachtgewand und mit Schlafmütze (die an Wilhelm Buschs Figuren erinnert) gramgebeugt durch das Stück schleicht. Mit dem Plan, seine Tochter Angélique – zwischen naiv-kindlich und selbstbewusst erwachsen gespielt von Melanie Burghardt – an den Sohn eines reichen Arztes zu verheiraten. Biolzis Argan verschafft dieser zwiespältigen Figur einiges an Sympathie des Publikums. Einerseits ist er der Geldgierige. Anderseits kann der Zuschauer nicht anders, als diese tapsige, eigentlich nicht selbstbestimmte Figur irgendwie zu mögen. Er spricht ein Machtwort: „In diesem Haus wird nicht gebruüllt. Wenn einer brüllt, bin ich es“ und schaut dabei, als glaube er es sich selbst nicht.
Seine Gattin Béline dagegen wird von Monika Hertrampf wunderbar hart am Rand der Karikatur als die dargestellt, die sie ist: Eine notorische Heuchlerin, die es vor allem auf Argans Geld abgesehen hat, denn zu übertrieben ist die dick aufgetragene Zuneigung zum Gatten.
Eine Schlüsselrolle spielt das Dienstmaädchen Toinette, das am Ende alle Fäden in der Hand hält und wie ein stets anwesender Deus ex Machina eine Art Happy End herbeiführt. Eva Frohne spielt Toinette als listige, aber nicht hinterlistige Frau, die ihre intime Kenntnis der Verhältnisse im Hause Argan geschickt einzusetzen weiß und dabei genau die Balance zwischen Aufmüpfigkeit und Anpassung kenn.
Wenn man will, kann man das Leiden des eingebildeten Kranken auch als Parodie auf aktuelle Befindlichkeiten lesen, die Inszenierung forciert diese Lesart aber dankenswerterweise nicht mit der Brechstange. Aber es ist alles da: Der Gesundheitswahn, der Hypochondrie beflügeln kann und der Streit zwischen Schulmedizin und Naturheilkräften – wie er im dritten Akt in einer Brandrede von Argans Bruder Béralde (Peter Laier) auf die Bühne gebracht wird, während der Wahnsinn von allen Seiten an Argan zerrt: Da ist die Apothekerin (Olga Humpfer), in deren Haänden der Einlauf nachgerade zur militärischen Angriffswaffe wird. Da ist Cléante, der Liebhaber der Tochter, von Lukas Buck als herzinniger Großromantiker gespielt. Und da sind vor allem der avisierte Schwiegersohn Thomas (Felix Kühn) und sein Vater Doktor Diafoirus (Markus May), die eine Untersuchung des Patienten zu einem Festival absurder Hochkomik machen. Mit dem Ergebnis: „Es gibt einen Kanal zwischen Milz und Leber, und der heißt Parmesano Spekulatius“. Das Publikum dankte der „kleinen bühne“ für eine stimmige Inszenierung und eine überzeugende Ensemble-Leistung mit enthusiastischem Beifall. Thomas Zimmer
Misery
BNN Ettlingen, Montag 30. März 2015, Ausgabe Nr. 74
Zunehmende Spannung
Die „kleine bühne“ hatte Premiere des Psychostückes „Misery“ nach Stephen King
Häufig war der Bestsellerautor Stephen King nicht zufrieden, wenn seine Romane verfilmt wurden. Die Theaterfassung des englischen Kollegen Simon Moore zu „Misery“ als Zwei-Personen-Stück hat ihm immerhin gefallen und wurde als einzige vom Meister autorisiert. So erlebte das Publikum in der „kleinen bühne“ am Samstag „Stephen King pur“ und einen beeindruckenden Theaterabend obendrein. Denn unter der Regie von Luigi Biolzi boten Carmen Steiner und Daniel Frenz eine famose Premierenvorstellung.
Der Plot ist bekannt: Nach einem Unfall landet der Autor Paul Sheldon im Haus von Annie Wilkes, die ein großer Fan seiner Romanheldin „Misery“ ist. Mit einer Mischung aus psychischem Druck und physischer Gewalt zwingt Annie den schwerverletzten Paul, den Romantod Miserys in einem neuen Werk zu korrigieren. Der Psychoterror Annies eskaliert immer mehr und Paul schreibt buchstäblich „um sein Leben“. Die Reduktion dieser Grundkonstellation auf zwei Personen, die durch ein minimalistisches Bühnenbild und die Regie Luigi Biolzis noch zugespitzt wird, verlangt den Schauspielern alles ab. Der anfängliche Eindruck, die Handlung sei doch sehr konstruiert, ist schnell widerlegt. Man verfolgt mit zunehmender Spannung, wie das Duell der beiden weitergeht. Carmen Steiner macht aus ihrer Annie eine gestisch und sprachlich überzeugende Studie mit all den Stimmungswechseln, die von vorgeblichem Mitgefühl bis hin zu brachialem Einsatz von Gewalt reichen. Ihre Geistesgestörtheit, zunächst nur in Andeutungen erkennbar, bricht immer mehr durch.
Daniel Frenz überspielte das Handicap, als Paul über weite Strecken sehr eingeschränkt bewegungsfähig zu sein, dennoch mit vollem Körpereinsatz und sprachlicher Differenzierung. Unterstützt wurde er dabei durch eine einfallsreiche Lichtregie (Technik: Berthold Steiner, Udo Schmitz), etwa bei den Szenen, die den Fortschritt seiner Schreibarbeit zeigen. Frenz produzierte auch zwei Videosequenzen, die die Handlung sinnvoll strukturierten.
Es mag etwas herablassend klingen, wenn man einem Amateurtheater eine „fast professionelle Leistung“ bescheinigt. Aber hier trifft es zu. Luigi Biolzi hat mit seinem Assistenten Werner Stumpp aus der Vorlage und den Darstellern sehr viel herausgeholt. Dass die Handlung nach der Pause etwas durchhängt – geschenkt. Denn dann setzt das furiose Finale den Schlusspunkt der Inszenierung, für die es großen Beifall gab. Henner Klusch
Misery
BNN Ettlingen, Montag 3. März 2015, Ausgabe Nr. 51
Dramatische Szenen eines Amoklaufes
„kleine bühne“ Ettlingen spielt den Thriller „Misery“ nach der Romanvorlage von Stephen King
Ein Mann liegt im Bett. Er leidet sichtbar. Seine Gesichtszüge sind schmerzverzerrt. Eine Frau kümmert sich um ihn, tupft ihm die Stirn ab, bringt ihm etwas zu essen. Nein, er müsse nicht ins Krankenhaus, beschwichtigt sie, sie sei Krankenschwester, ihr Name Annie Wilkes. Den verletzten Mann, Bestsellerautor Paul Sheldon, hat sie aus seinem von der Straße abgekommenen Auto gezogen. Die beiden – gespielt von Carmen Steiner und Daniel Frenz – sind die Protagonisten von Simon Moores Psychothriller „Misery“ nach der Romanvorlage von Stephen King. Annies Verhalten, das zunächst wie selbstlose Fürsorge erscheint, entpuppt sich als der dramatische Amoklauf einer Geistesgestörten. […]
„Das ist für die kleine bühne was Neues: Ein Thriller, bei dem es richtig zur Sache geht. Wir haben den ersten Akt schon mal bei den Proben vor Leuten gespielt, und die waren ziemlich überrascht“, sagt Regisseur Luigi Biolzi. […]
Biolzi fasziniert an „Misery“ die Verwandlung der Krankenschwester in eine Furie, und Darstellerin Carmen Steiner sagt: „Das Spannende ist ja, dass die Frau zunächst so richtig lieblich ist.“ Für Steiner ist das Stück eine Herausforderung vor allem wegen der Riesenmenge Text, die sie zu lernen hatte. Und ihr Gegenpart Daniel Frenz hat vor allem im ersten Akt die schwierige Aufgabe, in einer liegenden Rolle allein mit Gestik, Mimik und Stimme zu überzeugen.
„Das Publikum muss merken, dem geht es schlecht, aber es darf nicht so überzogen sein, dass es zur Persiflage wird“, beschreibt er die Herausforderung.
Wie es sich für einen Psychothriller gehört, soll möglichst wenig von der Interaktion der handelnden Personen ablenken. Dementsprechend karg und einfach ist das Bühnenbild. […] Unterschiedliche Beleuchtungseinstellungen und zugespielte Geräusche besorgen den Rest. Auf Schockeffekte verzichtet die Inszenierung bewusst. „Es gibt auch eine sehr drastische Szene, in der wir aber nur andeuten, was tatsächlich passiert. Der Zuschauer soll sich selbst eine Vorstellung machen“, erklärt der Regisseur geheimnisvoll. Und mehr verrät er auch nicht. Thomas Zimmer
Der Hexer
BNN Ettlingen, Montag 29. September 2014, Ausgabe Nr. 225
Spannung bis zum letzten Moment hoch
Für „Hexer“-Aufführung der kleinen bühne Ettlingen gab es zu Recht viel Beifall
Der Plot ist hinreichend bekannt: Henry Arthur Milton alias „Der Hexer“ ist der Meister der Maske. Er will den Tod seiner Schwester rächen, für den er den Anwalt Maurice Masters verantwortlich macht. Der wird auch mit einer Kreissäge ins Jenseits befördert. Und so reduziert sich alles auf die Frage: Hinter welcher Person verbirgt sich nun der „Hexer“? Am Samstag hatte dieses Krimirätsel in der Kleinen Bühne Ettlingen Premiere.
Die Vorlage stammt bekanntermaßen von Edgar Wallace, der den Stoff 1925 zuerst als Roman und dann als Bühnenstück herausbrachte. Der Würzburger Autor Matthias Hahn hat daraus eine Fassung für ein kleines Ensemble geschrieben. Für Regisseur Daniel Frenz war dies eine Vorlage zu einer stimmigen Inszenierung, für die es zu recht viel Applaus gab. Der dramaturgischen Beschränkung auf einen Schauplatz, das Wohnzimmer des Anwalts, und eine gewisse Textlastigkeit begegnet Frenz dadurch, dass er das Tempo stets hochhält und etliche gute Einfälle integriert. Dazu gehören die Lichtregie mit einer gekonnt inszenierten Schlägerei in Zeitlupe unter dem Stroboskop und passende musikalische Akzente, wobei auch die Filmmusik von Peter Thomas zitiert wurde. Dazu konnte sich Frenz auf ein spielfreudiges Ensemble verlassen. Sven Herrmann hielt als Anwalt bis zu seinem Ende die Balance zwischen jovialem Äußeren und ziemlich krimineller Energie. Und wer ist nun der „Hexer“?
Ohne zu viel verraten zu wollen: Die Damen stehen auf der Liste der Verdächtigen ganz hinten. Carmen Steiner präsentierte sich als resolute Polizeiinspektorin. Die propere Anna Plummer als „Hexer“-Ehefrau Cora hielt bis zu letzt die Frage offen, ob sie ihren Mann unter der Maske nicht erkennt oder nur so tut als ob. Bleiben die Männer: Der Chefinspektor Bliss (Bernd Hagemann) und sein französischer Kollege (Matthias Hüther), die den Anwalt schützen sollen. Und die beiden Jungs mit krimineller Vergangenheit. Peter Werner lieferte als Butler Hackitt schöne Dialogpointen und Yousef Mostaghim – alternativ mit Markus May besetzt – beeindruckte als Ex-Knacki Lenley auch durch seine körperliche Präsenz.
Dass es Regisseur Frenz gelungen war, die Spannung hochzuhalten, belegt ein Pausenquiz. Die Zuschauer sollten raten, wer denn nun als „Hexer“ in Frage komme. Es waren recht wenige Treffer dabei. Henner Klusch
Der Hexer
BNN Ettlingen, Dienstag 23. September 2014, Ausgabe Nr. 220
Wenn der Hexer nach Ettlingen kommt
Die kleine bühne Ettlingen inszeniert den Edgar-Wallace-Krimi / Samstag ist Premiere
Die Edgar Wallace Filme der 60er-Jahre sind vielen – auch jüngeren – Krimifans auch heute noch ein Begriff. Was auch an dem kürzlich verstorbenen Joachim „Blacky“ Fuchsberger liegen mag, der rund ein Dutzend der deutschen Wallace-Verfilmungen als einer der Hauptdarsteller prägte. Auch Regisseur Daniel Frenz, Jahrgang 1976, der das Theaterstück von Matthias Hahn nach der Romanvorlage jetzt für die kleine bühne Ettlingen inszeniert, ist durchaus ein Wallace-Fan. Natürlich passt ein Wallace auch ins Programm des Theaters, das immer wieder mal gern intelligente Unterhaltung anbietet, die „nicht allzu schwere Kost“ sein soll.
Der Hexer – das ist Henry Arthur Milton, der auf einem Rachefeldzug ist. Er bringt alle um, die durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft sind, und benutzt dabei viele Masken. Kein Wunder, dass die Scotland-Yard-Ermittler größte Probleme haben, dieses Chamaäleon zu fassen. Was in der Zusammenfassung so prickelnd klingt, fand Daniel Frenz durchaus verbesserungsbedürftig: Seine Inszenierung kommt mit weniger Text aus, setzt dafür mehr auf turbulente Action. „Der Anfang ist ziemlich zaäh, weil nur viel geredet wird und eigentlich nichts passiert. Wir haben versucht, dem ganzen ein bisschen mehr Tempo zu geben und alles etwas skurriler zu inszenieren“.
Das Bühnenbild unterstreicht das. Es strahlt eine gewisse, auch sehr englische Patina aus. 50er Jahre oder 60er Jahre vielleicht? „Wir haben es eigentlich in keiner bestimmten Zeit angesiedelt“, meint Frenz. „Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass etwa die Queen heute noch ein solches Wohnzimmer hat“. Den „Hexer“ auf die Bühne zu bringen, habe auch ganz praktische Gründe, sagt Carmen Steiner, die Vorsitzende der kleinen bühne. „In dem Stück gibt es nur zwei Frauenrollen, und wir haben einfach zu wenig Frauen im Ensemble. Über ein Stück mit sieben weiblichen Rollen bräuchten wir erst gar nicht nachdenken.“ Zudem passen die verfügbaren Schauspieler bestens für die Wallace-Inszenierung, freut sich der Regisseur: „Ich habe zu 90 Prozent sofort gewusst, wer welche Rolle spielen sollte.“ „Den 'Hexer' können wir auch gut an Silvester spielen“, meint Carmen Steiner. Mit schwierigeren Stoffen wäre das eher nicht möglich. Man habe generell die Erfahrung gemacht, dass „dass man mit nicht so bekannten Stücken die Leute nicht im gewünschten Maß ins Theater locken kann“. Von ihrem Anspruch will die kleine bühne sich in Zukunft dennoch nicht verabschieden. Es wird keine Beschränkung auf „todsichere“ Publikumsfavoriten geben. Die Mischung macht's: So wird im März kommenden Jahres „Misery“ gespielt. Ein Psychothriller nach dem Roman von Stephen King. „Wenn die Zuschauer ins Theater kommen, auch wenn sie ein Stück nicht kennen, weil sie wissen, dass die kleine bühne immer Qualität bietet, dann hätten wir viel erreicht“ umreißt Carmen Steiner die Zukunftsperspektive. Thomas Zimmer
Die Physiker
BNN Ettlingen, Dienstag 22. April 2014, Ausgabe Nr. 92
Eine Komödie mit Wendungen
„kleine bühne ettlingen“ spielt als Eigeninszenierung Dürrenmatts „Die Physiker“
Muss die Wissenschaft haltmachen, wo ihre Folgen unkalkulierbar werden? Oder ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, was einmal gedacht wurde? Die Fragen, mit denen sich Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ aus dem Jahr 1961 beschäftigt, sind noch immer hochaktuell. Die „kleine bühne ettlingen“ brachte das Stück jetzt in einer gelungenen Eigeninszenierung auf die Bühne, am Samstagabend erntete die Premiere großen Applaus. Regisseur Bernd Hagemann setzte die überraschenden Wendungen, immer neuen Spannungsbögen und die gegensätzlichen Standpunkte der Figuren überzeugend in Szene und die Akteure überzeugten mit ihren schauspielerischen Leistungen.
„Bin ich eigentlich verrückt?“, fragt sich Inspektor Voß (Adrian Müller), der bereits wegen des zweiten Mordes an einer Krankenschwester in einer psychiatrischen Heilanstalt ermittelt. Den beiden Tätern kommt er nicht bei, sind sie doch offenkundig verrückt. Einer hält sich für Albert Einstein (Peter Werner), der andere für Isaac Newton (Sven Herrmann). Die bucklige Leiterin Dr. von Zahnd (Eva Frohne) wacht über die Physiker, an ihr und Oberschwester Marta (Regina Penderock) kommt der wackere Inspektor nicht vorbei. Der dritte Physiker im Haus, Johann Wilhelm Möbius (Markus May), behauptet, ihm erscheine König Salomo. Er gibt den Irren, als seine Frau (Monika Hertrampf) sich verabschiedet, um mit ihrem neuen Mann (Peter Laier) auszuwandern. Schwester Monika (Anna Plummer) aber hegt den Verdacht, Möbius spiele nur den Verrückten, und gesteht ihm ihre Liebe. Dem Publikum schwant Böses, denn dies taten ihre ermordeten Kolleginnen zuvor auch bei Newton und Einstein.
Was im ersten Akt wie ein Kriminalstück beginnt, entwickelt sich im zweiten Akt zu einem Lehrstück über die Folgen, die wissenschaftliche Erkenntnisse für die Menschheit haben können, aber auch für diejenigen, die zu den Erkenntnissen gelangten. Denn im Sanatorium ist in Wirklichkeit keiner der Insassen verrückt. Möbius trägt die „Narrenkappe“, um die von ihm entdeckte Weltformel zu verstecken und vor Missbrauch zu schützen. Newton und Einstein sind Agenten, die es auf diese Formel abgesehen haben. Wegen der Morde zur Vertuschung finden sich die drei plötzlich tatsächlich als Gefangene wieder. Mit Augenzwinkern präsentiert die Truppe den Wandel von der noblen Anstalt in einen Hochsicherheitstrakt. Beim Abendessen diskutieren die Physiker ihre Lage und moralische Aspekte der Wissenschaft. „Nur hier im Irrenhaus sind wir frei und können wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff“, sagt Möbius. Die anderen sehen ihn in der Pflicht, seine Forschungsergebnisse zu teilen. Am Ende aber steht wieder eine überraschende Wendung. Holger Schorb
Die Physiker
BNN Ettlingen, Mittwoch 16. April 2014, Ausgabe Nr. 89
Wer ist verrückt und wer nicht?
Die kleine bühne Ettlingen spielt Dürrenmatts „Die Physiker“
2011 hatte Bernd Hagemann sein Debüt als Regisseur für die kleine bühne Ettlingen. Damals inszenierte er die Komödie „Ladykillers“, derzeit setzt er Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ in Szene. Im Mittelpunkt des Stückes, das am kommenden Samstag Premiere hat, stehen drei Physiker, die sich als Geisteskranke ausgeben und in einer Irrenanstalt leben. Einer behauptet, Albert Einstein zu sein, der andere ist überzeugt, er sei Isaac Newton. Der dritte in dieser seltsamen Runde ist Johann Wilhelm Möbius, er will die Weltenformel erfunden haben. Wehe, wenn sie in falsche Hände gerät.
Dürrenmatts Klassiker läuft ebenfalls unter der Genre-Bezeichnung Komödie, ist aber ein ganz anderer Stoff: „Das Thema Wissenschaftler und Politik, das Thema Verantwortung der Wissenschaft, ist immer aktuell“, sagt Bernd Hagemann. „Wir sehen es ja auch gerade wieder, wenn wir die Meldungen hören, dass 18 Millionen E-Mail-Adressen geknackt wurden“. Ihm gefalle, dass „man nie so recht weiß, wer ist nun verrückt, und wer ist es nicht“. Hagemann erinnert sich, von dem Stoff schon als Schüler begeistert gewesen zu sein, nicht zuletzt durch die Verfilmung aus dem Jahr 1964 mit Gustav Knuth, Therese Giehse, Siegfried Lowitz und Rosemarie Fendel. Die Atmosphäre des Films habe ihm gefallen, und dass es trotz der Spannung und der Morde nie ein lautes Wort gibt. „Ich hatte bei der Inszenierung schon den Film vor Augen.“
„Die Physiker“ sei ein Kammerspiel, das sich besonders gut für die kleine bühne eigne. Hagemann lässt das Stück etwa in der Zeit seiner Entstehung (1961) spielen. Das bei den Proben in der vergangenen Woche noch im Entstehen begriffene Bühnenbild verweist auf diese Zeit. Für seine Inszenierung hat Hagemann den Text auf eine Dauer von rund 90 Minuten gekürzt und einige Charaktere gestrichen, die ihm nicht unbedingt notwendig erschienen. „Wir haben jetzt elf Rollen. Weil wir ein Verein sind, möchte ich ja auch immer, dass möglichst viel Leute mitspielen können“.
Die Beschränkung lasse die Konflikte zwischen den Hauptakteuren noch deutlicher, noch schärfer hervortreten. Hagemann selbst verzichtet auf eine Rolle: „Das wäre mir zu viel. Ich habe gerade erst angefangen, Regie zu machen, und beides zugleich traue ich mir, ehrlich gesagt, nicht zu. Aber wir konnten wieder Leute aktivieren, die schon länger nicht gespielt haben, und die Jungen wachsen gut ins Ensemble rein“, freut er sich. Thomas Zimmer
Die Schelmenstreiche des Scapin
BNN Ettlingen, Montag 10. März 2014, Ausgabe Nr. 57
Hohes Tempo und erheiternde Einlagen
Jugendensemble „Arcobaleno“ Ettlingen feiert erfolgreiche Premiere von „Die Schelmenstreiche des Scapin“
Bei der Uraufführung im Jahre 1671 stieß Molières Stück „Die Schelmenstreiche des Scapin“ auf wenig Resonanz und viel Kritik. Man warf dem Autor eine übertriebene Darstellung der Charaktere vor. Der Erfolg stellte sich erst später ein. Dass diese dankbare Vorlage für Schauspieler auch heute noch für einen ungemein vergnüglichen Theaterabend taugt, wurde am Samstagabend in der „kleinen bühne“ Ettlingen deutlich. Die Produktion des Jugendensembles „Arcobaleno“ unter der Regie von Ute Merz erhielt zu recht viel Applaus. In ihrer eigens für die junge Theatertruppe geschriebenen Fassung hält sich Ute Merz eng an die Vorgaben der Commedia dell' Arte; jener Theaterform also, bei der es um Masken und Typen geht und die auf moralische Belehrung verzichtet. Denn „moralisch“ kann man die Art und Weise nicht nennen, sondern ausgesprochen durchtrieben, wie der Diener Scapin Ordnung in ein ziemliches Bühnendurcheinander bringt.
Zur Handlung nur soviel: Zwei geizige, alte Kaufleute (Samantha Steins und Lukas Buck) wollen ihre Kinder verheiraten, aber die haben längst für andere Verhältnisse gesorgt. Sohn Leander(Simon Strnad) verliebt sich in die angebliche Zigeunerin Zerbinette, Octave (Tillmann Freidenreich) hat gar das Girlie Hyazinthe (Larissa Dehm) geheiratet.
Nun schlägt die Stunde Scapins, den David Strobel mit der genau richtigen Mischung aus Mutterwitz, komödiantischer Finesse und einer präzisen Körpersprache auf die Bühne bringt. Mit Unterstützung des Dienerkollegen Silvester (Anika Steidl) und diversen haarsträubenden Erfindungen trickst er die beiden Alten aus und sorgt so dafür, dass sich die „falschen“ Paare am Ende sogar noch als die „richtigen“ entpuppen.
Bei ihrer Neubearbeitung hat Ute Merz nicht nur die Dialoge aufpoliert und punktgenau auf ihre jungen Akteure zugeschnitten, sondern diverse szenische Einlagen integriert. Um ein Beispiel zu nennen: Die Idee, die langen Monologe, in denen die jeweilige Vorgeschichte erklärt wird, als Schattenspiel aufzuführen, macht Sinn. Denn so wird das Tempo hochgehalten und es gibt gleichzeitig Raum für erheiternde Einlagen.
Immer wieder wird auch das Geschehen auf der Bühne unterbrochen. Die gesamten Nebenrollen reduzieren sich hier nämlich auf eine Amme (Eleonore Benjowski), die von Scapin kurzerhand aus dem Publikum heraus engagiert wird.
Nimmt man jetzt noch die putzigen Musikeinlagen dazu – Drafi Deutschers Uralthit „Weine nicht, wenn der Regen fällt“ hätte man wohl nicht bei Molière vermutet – so addiert sich das zu einem zweistündigen großen Theaterspaß, bei dem sich das ganze Ensemble durch sehr viel Spielfreude auszeichnet. Heinz Klusch